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Freitag, 27. März 2009

Psychotherapeuten wollen Homosexualität heilen

26. März 2009, 16:30 Uhr

GROSSBRITANNIEN

Psychotherapeuten wollen Homosexualität heilen

Forscher haben Hunderte britische Psychotherapeuten befragt - und eine Überraschung erlebt: Viele versuchen noch immer, Homosexuelle in Heterosexuelle zu verwandeln. Experten warnen, dass das nicht nur wissenschaftlicher Unfug ist, sondern schädlich sein kann.

1848 Fragebögen haben die Londoner Wissenschaftler an Psychiater und Therapeuten verschickt. Die beachtliche Zahl von 1406 Exemplaren kam zurück, 1328 konnten ausgewertet werden. Das überraschende Ergebnis: Zahlreiche Therapeuten versuchen noch immer, schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen bei der Veränderung ihrer sexuellen Orientierung zu helfen.

Annie Bartlett, Glenn Smith und Michael King vom University College London (UCL) hatten die Psychotherapeuten gefragt, ob sie einem Patienten bei der Veränderung seiner sexuellen Orientierung helfen würden, wenn er dies wünsche. Zwar hätten nur 55 Therapeuten und damit vier Prozent angegeben, dass sie dies tun würden. Doch rund jeder Sechste (17 Prozent) habe geantwortet, mindestens einem Patienten dabei geholfen zu haben, schwule oder lesbische Gefühle zu reduzieren - üblicherweise durch Therapie. Die Umfrage habe auch ergeben, dass sich die Häufigkeit dieser Fälle über die Zeit stabil geblieben sei, schreiben die Forscher im Fachblatt "BMC Psychiatry".

"Es gibt kaum Belege dafür, dass die Behandlung homosexueller Gefühle funktionieren kann", sagte UCL-Professor Michael King. "Tatsächlich kann sie sogar schädlich sein." Deshalb sei es überraschend, "dass eine bedeutende Minderheit von Therapeuten so etwas noch immer anbietet".

Die Gründe, die dafür in der Umfrage genannt wurden, klingen kaum beruhigend. Manche Therapeuten gaben an, Opfern von Diskriminierung helfen zu wollen. Andere antworteten mit erfrischender Offenheit, dass sie sich von ihren moralischen oder religiösen Ansichten über Homosexualität leiten ließen.

So habe beispielsweise ein Therapeut geantwortet, Patienten mit "starkem Glauben" bei der Überwindung ihrer Homosexualität geholfen zu haben. Dies sei "der beste Ansatz, wenn die Person glaubt, dass sie Gott verlieren könnte und das Leben dann nicht mehr lebenswert ist". Ein anderer Therapeut war der Meinung, dass der sexuelle Akt unter Schwulen "physische Schäden" hervorruft. "Er ist der Hauptgrund für Aids und HIV in diesem Land. Und außerdem ist er pervers."

King und seine Kollegen stellten außerdem einen "gewissen Grad an Ignoranz" fest, was den Stand der psychologischen Forschung betrifft. So hätten eine ganze Reihe der Befragten nicht gewusst, dass keine einzige zufallsbasierte, kontrollierte klinische Studie existiert, die das Funktionieren einer Therapie gegen Homosexualität bewiesen hätte.

Die Forscher waren offenbar so beeindruckt von den Ergebnissen ihrer Umfrage, dass sie eigens eine Website eingerichtet haben. Auf www.treatmentshomosexuality.org.uk können Therapeuten und Patienten von ihren Erfahrungen mit Homosexualitätstherapien berichten.

mbe


Donnerstag, 26. März 2009

"Mir geht's gut"

23. März 2009, 00:00 Uhr

ÄRZTEHONORARE

"Mir geht's gut"

Von Markus Grill

Dirk Wetzel ist Hausarzt. Er verdient so viel wie der Durchschnitt aller Ärzte mit eigener Praxis: 10.000 Euro brutto im Monat. Jetzt mehr zu fordern, hält er für eine Unverschämtheit.

Wenn Dirk Wetzel am Samstag Notdienst in seiner Arztpraxis macht, hat er Zeit für seine Patienten: Im Wartezimmer sitzen nur zwei Leute, ein Mann um die 50 Jahre mit Herzbeschwerden und eine Mutter mit ihrer etwa zehnjährigen Tochter, die über Ohrenschmerzen klagt. Die Sprechstundenhilfe hört im Hintergrund leise einen Popsender, der Mediziner empfängt in legerer Cordhose und schwarzem Pullover. Das Stethoskop hängt nicht um den Hals, sondern liegt auf dem Tisch.

Wetzel ist Hausarzt in Zierenberg, einer 7000-Einwohner-Gemeinde in Nordhessen. Zierenberg liegt in der geografischen Mitte Deutschlands, und ziemlich in der Mitte liegen auch die Einnahmen von Doktor Wetzel. Wenn der 39-jährige Arzt auf sein Monatseinkommen schaut, hat er keinen Grund, unzufrieden zu sein, wie er sagt. Er verdient mit rund 10.000 Euro so viel wie jeder niedergelassene Arzt im Schnitt.

Von diesem Bruttoeinkommen zahlt Wetzel 3250 Euro Steuern im Monat, 1037 Euro für die Rentenversicherung, 619 Euro für Kranken- und Pflegeversicherung sowie 210 Euro für berufliche Versicherungen. Am Ende bleiben ihm rund 4900 Euro netto. "Mir geht's gut", sagt Wetzel, "ich schätze, dass ich zu den 0,1 Prozent der glücklichsten Menschen gehöre."

Eine Rarität ist Dirk Wetzel in diesen Tagen aber schon deshalb, weil er weder jammert noch die Verelendung der Ärzteschaft beschwört. Bundesweit klagen Ärzte derzeit, dass ihnen die Honorarreform existenzbedrohende Verluste beschere. Sie reisen mit Arzthelferinnen an Bord zu Demonstrationen (nicht selten im Porsche oder Mercedes), ihre Funktionäre reden in Talkshows aggressiv vom "Chaos" der Reform, und von den Patienten verlangen viele Mediziner sogar Bargeld vorab, wenn sie behandelt werden wollen.

"Ich kann nicht nachvollziehen, was da zurzeit abgeht", sagt Wetzel. Er verstehe vor allem nicht, wie in einer Zeit, in der Opel-Arbeiter um ihren Job fürchten, in der Millionen Menschen sich fragen, wie sie die weltweite Wirtschaftskrise überstehen, ausgerechnet Ärzte noch mehr Geld für sich fordern können. "Ich habe langsam den Eindruck, dass wir den Sozialkredit, den wir in der Bevölkerung noch haben, aufs Spiel setzen."

Dabei trifft die Honorarreform auch Wetzel. Die wichtigste Änderung für ihn ist, dass es seit 1. Januar für jeden Patienten, der seine Arztpraxis betritt, einen Pauschalbetrag gibt, den sogenannten Fallwert, der statt in Punkten nun in Euro berechnet wird.

Für hessische Hausärzte wie Wetzel beträgt er derzeit 38,11 Euro. Das heißt, egal ob ein Patient mit unklaren Herzschmerzen kommt, die aufwendig untersucht werden müssen, oder ob er nur ein Hustensaftrezept abholen will, Dirk Wetzel kassiert in jedem Fall 38,11 Euro. "Das funktioniert natürlich nur, wenn genügend Patienten kommen, die leicht krank sind." Ärzte nennen das "Verdünnerscheine", also Krankenscheine von Patienten, die wenig Arbeit verursachen. Dann rechnen sich auch die 38,11 Euro.

Der Grund für die Umstellung auf die Pauschalen ist einfach: Den Ärzten soll der Anreiz genommen werden, überflüssige Untersuchungen vorzunehmen, die bisher eben extra honoriert wurden, jetzt aber mit der Pauschale abgedeckt sind. Allerdings könnte ein Effekt in die andere Richtung einsetzen: Wenn Ärzte nur noch einen festen Betrag erhalten, egal wie gut sie den Patienten untersuchen, ist der Anreiz groß, auch mal weniger gründlich zu sein. Oder jeden zweiten Patienten zum Facharzt zu überweisen. "Die Pauschale bekomme ich in jedem Fall", erklärt Wetzel, "auch wenn ich den Patienten gleich wieder wegschicke."

Wetzel betreibt seine Praxis zusammen mit zwei Kollegen. "Ich arbeite lieber im Team", sagt er. Aber Gemeinschaftspraxen haben auch finanzielle Vorteile: Er kann Anschaffungen wie ein Ultraschallgerät durch drei teilen, die Arzthelferinnen gemeinsam bezahlen, den Notdienst aufteilen, und außerdem zahlt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Gemeinschaftspraxen noch einen Zuschlag von zehn Prozent aufs Honorar.

Die Berechnung, wie viel Geld Wetzel von der KV erhält, richtet sich danach, wie viele Patienten er im selben Zeitraum des Vorjahres behandelt hat. Für die Monate Januar bis März 2009 schaut die KV also, wie viele Patienten von Januar bis März 2008 in die Praxis in Zierenberg kamen. Es waren 2565. Das entspricht ziemlich genau dem hessischen Durchschnitt, der bei 862 Patienten im Quartal pro niedergelassenem Hausarzt liegt.

"Ein rein innerärztlicher Verteilungskonflikt"

Die Zahl der Patienten wird nun mit der Pauschale von 38,11 Euro pro Patienten multipliziert, dazu kommt der Zehn-Prozent-Zuschlag für Gemeinschaftspraxen, und schon erhält man das sogenannte Regelleistungsvolumen, das Wetzel und seinen Kollegen fürs erste Quartal dieses Jahres zusteht: 107.527 Euro.

Diese Einnahmen bilden allerdings nur etwa zwei Drittel der Summe, die die Hausärzte von der KV tatsächlich erhalten. Zusätzliches Honorar erhalten sie für Vorsorgeuntersuchungen, für ambulante Operationen und für Patienten, die an Chronikerprogrammen teilnehmen. Hausbesuche werden mit 18 Euro im Normalfall und 65 Euro im dringenden Fall vergolten. An Samstagen bekommt Wetzel auch für einen normalen Hausbesuch 46 Euro.

Zu all dem kommen noch die Einnahmen durch Privatpatienten, die bei Wetzel mit zehn Prozent allerdings weniger stark ins Gewicht fallen als im Bundesdurchschnitt. "Wir leben hier eben auf dem Land, in Hamburg sieht das ganz anders aus." Weiter verdienen Ärzte an den sogenannten IGEL-Leistungen, die jeder Patient aus eigener Tasche bezahlen muss. Wetzel sagt zwar, dass er die Igelei grundsätzlich ablehne, weil ein Arzt nicht zum Verkäufer werden solle und die meisten Angebote medizinisch gar nicht notwendig seien. Doch insgesamt erfreut sich IGEL unter Ärzten immer größerer Beliebtheit. Schätzungsweise eine Milliarde Euro Einnahmen bescheren diese Leistungen den Ärzten mittlerweile im Jahr.

Warum kommt Wetzel aber mit dem Geld der Krankenkassen gut zurecht, ohne Igelei und ohne viele Privatpatienten? Erstens ist eine Gemeinschaftspraxis günstiger zu führen als eine Einzelpraxis. Zweitens sind seine Ansprüche maßvoll: Wetzel hat zuvor als Wissenschaftler an der Universität Göttingen 4000 Euro brutto verdient, er stammt nicht aus einer Ärzte-, sondern aus einer Lehrerfamilie. Und er fährt weder Porsche noch Mercedes, sondern einen Ford S-Max, in dem seine drei Kinder und der Hund Paul Platz finden. Zu Tode schuftet sich Wetzel bei alldem nicht: Insgesamt komme er auf eine 40-Stunden-Woche, sagt der Hausarzt, plus gelegentliche Notdienste. Meist schaffe er es sogar, sich zwei Nachmittage in der Woche frei zu halten.

Insgesamt gaben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2007 rund 27,4 Milliarden Euro für Ärztehonorare aus. In diesem Jahr werden es 30,4 Milliarden sein. Ergibt ein Plus von elf Prozent, das den Ärzten insgesamt zur Verfügung steht. Drei Milliarden Euro zusätzlich, das macht umgerechnet für jeden der knapp 150.000 ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten ein Einkommensplus von 20.000 Euro im Jahr. Allerdings wird das Geld unterschiedlich verteilt, weil die KV beschlossen hat, das Einkommensgefälle zwischen armen und reichen Bundesländern auszugleichen. Deshalb müssen sich die Ärzte in Baden-Württemberg mit einem Honorarzuwachs von 2,5 Prozent begnügen, während die Ärzte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zwischen 19 und 25 Prozent mehr Geld erhalten.

Dabei macht das Honorar aus den Töpfen der gesetzlichen Krankenkassen nur einen Teil der Gesamteinnahmen aus. Das Statistische Bundesamt ermittelt alle fünf Jahre das echte Einkommen der Ärzte. Die neuesten Zahlen wurden im Jahr 2006 veröffentlicht. Demnach kommt ein Allgemeinmediziner nach Abzug aller Betriebskosten wie Personal, Praxismiete, Geräte, Strom, Pkw und so weiter im Schnitt auf ein monatliches Bruttoeinkommen von 8666 Euro, von dem er dann noch Steuern, Renten-, Kranken- und andere Versicherungen bezahlen muss. Noch mehr verdienen die Fachärzte, allen voran die Röntgenärzte mit einem Bruttoeinkommen nach Abzug aller Betriebskosten von 17.416 Euro pro Monat (siehe Grafik).

Bessere Zahlen als die des Statistischen Bundesamts gibt es nicht. Sie beruhen auf einer Pflichtauskunft mehrerer tausend Ärzte im Jahr 2003. Seitdem sind die Ausgaben der Krankenkassen für Arzthonorare sogar noch stärker gestiegen als die Zahl der Ärzte. Deshalb kommt im Schnitt jeder Arzt auf ein noch höheres Bruttoeinkommen als vor sechs Jahren.

Auch die anrührende Geschichte von Ärzten, die wegen Honorareinbußen ihre Praxis schließen müssen, ist eine gern gepflegte Legende von Ärztefunktionären. Die Insolvenzstatistik der Creditreform-Wirtschaftsdatenbank belegt, dass im vergangenen Jahr bundesweit lediglich 165 Arztpraxen pleitegingen. Niedergelassene Ärzte sind einem deutlich geringeren Insolvenzrisiko ausgesetzt als ein durchschnittlicher Unternehmer in Deutschland. Im Jahr 2007 gingen übrigens noch 223 Arztpraxen pleite, so dass die Zahl der Pleitepraxen im vergangenen Jahr sogar "überdurchschnittlich stark zurückgegangen ist", wie Creditreform berichtet.

Den aktuellen Honorarstreit hält Wetzel für einen "rein innerärztlichen Verteilungskonflikt". Geld sei genug vorhanden, "wir brauchen nicht mehr".

Mühsam findet er allerdings, dass die Honorare jetzt zum vierten Mal in fünf Jahren geändert werden, ständig müsse man sich um neue Abrechnungsdetails kümmern. "Ich würde gern mal wieder eine medizinische Fortbildung machen", sagt Wetzel. "Aber dazu komme ich nicht. Ich mache immer nur Fortbildungen über die Honorarreform."


Sonntag, 22. März 2009

"Wir können uns nicht aus der Krise shoppen"

22. März 2009, 13:12 Uhr

PET SHOP BOYS

"Wir können uns nicht aus der Krise shoppen"

Die klügsten Hedonisten des Pop haben die Sparsamkeit entdeckt. Im SPIEGEL-Interview kritisieren die Pet Shop Boys den schlechten Einfluss russischer Oligarchen und deutsche Ladenschlusszeiten - und sprechen über ihre Hoffnung, mit dem neuen Album "Yes" Krisengewinner zu werden.

SPIEGEL: Mr. Lowe, Mr. Tennant, in "Love etc.", der ersten Single Ihres neuen Albums, singen Sie: "Man braucht kein Superauto, um es weit zu bringen/ Man braucht kein Leben der Macht und des Reichtums zu leben". Ist das Pop in Zeiten der Rezession?

Tennant: Das haben wir geschrieben, bevor die große Krise losging. Da blubberte sie gerade erst ein bisschen. Aber ja: Es ist falsch zu glauben, wir könnten uns aus der Krise herausshoppen. Es ist falsch, langweilig und unbefriedigend, dem Konsum und der Celebrity-Kultur eine derartig unglaubliche Wichtigkeit zuzusprechen, wie das in den letzten Jahren der Fall war.

SPIEGEL: Pflegt die Popkultur nicht ein intimes Verhältnis zum Konsum?

Tennant: Absolut. Aber man muss die Dinge auseinander halten. In den sechziger oder achtziger Jahren war es auch Teil des Pop, die Konsumkultur zu kritisieren, selbst wenn das oft ziemlich heuchlerisch schien.

SPIEGEL: Damals hieß es in einem Ihrer Songs: "Lass uns eine Menge Geld verdienen."

Tennant: In den Achtzigern haben wir die Banalität des Konsums gefeiert. Darum geht es doch: etwas zu kaufen, das man nicht braucht. Um die eigene Existenz zu verjüngen. Ich mag nicht mehr shoppen.

Lowe: (lacht) Ach, komm – gelegentlich ein Sportwagen ...

SPIEGEL: In einer Umfrage hat unlängst eine Mehrheit der befragten Engländer auf die Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung geantwortet: Shopping. Was ist schief gegangen im stolzen Britannien?

Tennant: Wir waren schon immer die trashigeren Europäer. Ich glaube, dass sich der Begriff von Reichtum in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Das hat viel mit den Oligarchen aus der ehemaligen Sowjetunion zu tun, die sich mit ihren riesigen Vermögen in London niederließen. Diese Leute haben die kulturellen Maßstäbe für das verändert, was es bedeutet, reich zu sein. Auf einmal waren vormals reiche Leute nicht mehr reich. Hast du einen Privatjet? Hast du Milliarden oder nur Millionen? Kannst du dir einen Fußballclub kaufen? Solche Fragen hatten großen Einfluss in den Chefetagen von Großkonzernen und auf die Art und Weise, wie über die Wirtschaftswelt berichtet wurde. Auf einmal sah es so aus, als sei ein Unternehmen nur noch ein Spielzeug in den Händen einer Gruppe von cleveren Leuten an der Spitze. Und die vermittelten den Anschein, als sei das Unternehmen ohne sie nichts wert.

SPIEGEL: Diese Entwicklung begann doch schon unter der liberalen Marktmissionarin Margaret Thatcher.

Tennant: Nein, diese Geschäftskultur gab es in Großbritannien vorher nicht. Das fing in den Neunzigern an. Wenn man vorher Chef eines Großunternehmens war, hatte man ein Haus und eine Ferienwohnung und einen Rolls-Royce mit Fahrer. Das war eine andere Kultur als die der Neureichen.

SPIEGEL: Die englische Elite hatte immer schon Stil?

Tennant: Sicher. Aber das Faszinierende ist doch, wie der Rest der Öffentlichkeit anfing, sich an dieser neuen Kultur des Reichtums zu orientieren. Jeder ging shoppen, als wäre er reich. Überall hat sich etwa die Überzeugung durchgesetzt, dass man Kleidung nur noch für eine Saison kauft. Das ist ursprünglich ein Haute-Couture-Gedanke. Das haben die Leute früher nicht getan. Diesen kulturellen Gezeitenwechsel finde ich sehr ärgerlich. Was ist aus der guten alten Sparsamkeit geworden?

SPIEGEL: Konsum ist Bestandteil der Globalisierung. Daran ist doch nicht alles schlecht. Die Reiselust zum Beispiel – die Billigflieger haben Europa zusammengeführt.

Tennant: Ich verstehe das Geschäftsmodell dieser Gesellschaften nicht. Ich habe mich vor einigen Jahren mit meiner Putzfrau gestritten, die sagte, sie würde für neun Pfund nach Prag fliegen. Ich habe gesagt, dass das verboten werden sollte.

SPIEGEL: Aber die Städte sind wesentlich internationaler geworden.

Tennant: Das stimmt. Die Briten mochten Fremde eigentlich nie. Wie die Deutschen, die den Ausländern ja auch nie viel abgewinnen konnten. Das ist heute anders. Ein Spanier kann in einem britischen Dorf herumspazieren, ohne für exotisch gehalten zu werden. Das ist eine große Errungenschaft.

SPIEGEL: Der amerikanische Schriftsteller Jay McInerney hat vor kurzem geschrieben, er freue sich auf die Rezession, weil sie einen positiven Effekt auf die Kultur haben werde. Sehen Sie das auch so?

Tennant: Das ist leicht gesagt, wenn man keine Geldprobleme hat.

Lowe: Aber nicht für jemanden, der gerade seinen Job verloren hat. Das sind ja nicht nur ein paar Leute, ganze Regionen sind betroffen.

SPIEGEL: Historisch waren wirtschaftlich schwierige Jahre, etwa zwischen den zwei Weltkriegen, oft kulturelle Blütezeiten.

Tennant: Weil die Menschen dem Alltag entfliehen wollen. Wir haben ja die Theorie, die Pet Shop Boys könnten die Gewinner der Rezession sein.

Lowe: Weil wir eskapistische Popmusik machen. Zu der man tanzen kann. Wenn die Geschäfte gut laufen, tendiert man eher zur Introspektion. Oder zum Aussteigen.

Tennant: Die Hippies waren ja im Grunde ein Wohlstandsphänomen.

Lowe: Ein anderes Beispiel: Disco. New York war eine bankrotte Stadt in den Siebzigern. Und hatte das beste Nachtleben, das man sich vorstellen kann, die beste Musik.

Tennant: Wir haben in den vergangenen Jahren in einer Traumwelt gelebt und geglaubt, dass es ewig bergauf geht. Ich hoffe, die Leute kommen wieder in der Realität an.

"Alles wird globalisiert - aber der Pop lokalisiert"

SPIEGEL: Haben die Charts mit dem Niedergang der Single-Platte an Bedeutung verloren?

Tennant: Nein. Die Single ist zurück. Sie heißt nur Download. Das, was es nicht mehr gibt, ist eine Fernsehsendung wie "Top of the Pops", in der die Charts gefeiert wurden. Wenn eine Sängerin wie Duffy heute auf Nummer Eins ist, so ist das kein Event mehr. Viele Popstars sind unsichtbar geworden. Ich weiß gar nicht, wie manche Stars aussehen, die in den vergangenen Jahren in den Charts waren. "Top of the Pops" war die Krönungszeremonie, für die, die die Spitze der Charts erklommen hatten. Das gibt es nicht mehr.

SPIEGEL: "Yes" ist Ihr zehntes Studioalbum. Sie sind seit rund 25 Jahren im Geschäft. Wollen Sie noch mal an die Spitze?

Tennant: Ja, sicher.

SPIEGEL: Sind Sie deshalb mit dieser Platte zu dem Starproduzenten Brian Higgins gegangen?

Tennant: Nein. Wir gehen zu einem Produzenten, weil wir Songs geschrieben haben und wir jemanden brauchen, der daraus fertige Stücke macht. Wir suchen uns den, der am besten passt. Diesmal war es Brian Higgins. Unsere neuen Songs sind wesentlich poppiger als die letzten.

Lowe: Die Charts spiegeln ja nicht nur die Welt der Musik. Sie sind ein Wettbewerb. Das ist so wie der Eurovision Song Contest. Du machst mit, um zu gewinnen.

Tennant: Es sei denn, du bist britisch. Dann gehst du hin, um zu verlieren.

SPIEGEL: Higgins produziert ansonsten Girls Aloud, eine der erfolgreichsten britischen Girlgroups. Die kennt aber außerhalb von Großbritannien kaum jemand. Warum?

Tennant: Tja, alles wird globalisiert – ausgerechnet der Pop ist lokalisiert worden. Auf die Gefahr hin, mir selbst zu widersprechen: Das ist überhaupt nicht gut. Der Grund, warum niemand in Deutschland Girls Aloud kennt, ist ganz einfach: Sie sind nicht auf dem deutschen Markt angekommen. In den Achtzigern wären sie sofort auf dem Cover von Magazinen wie "Bravo" oder "Pop/Rocky" gelandet.

SPIEGEL: Was hat sich verändert?

Tennant: MTV hat sich verändert. Am Anfang gab es MTV Europe. Das hatte seinen Sitz in London, glücklicherweise für uns Briten. Dann spaltete sich MTV in nationale Sender auf. Man entschied sich gegen die Globalisierung. Die Marke MTV ist zwar überall die gleiche, das Unternehmen auch. Aber der Inhalt wurde national ausgerichtet.

Lowe: Jedes Land baut jetzt seine eigenen Stars auf. Deutschland hat seine eigenen Girlbands, seine eigene Castingshow. Wir kriegen Ihre nicht, dafür verschonen wir Sie mit unseren.

Tennant: Seit Anfang der Neunziger werden die lokalen Abteilungen der Musikkonzerne angehalten, nationale Künstler unter Vertrag zu nehmen. Das verhindert, dass Künstler international zu einem erfolgreichen Act aufgebaut werden.

SPIEGEL: Das ist doch verrückt. War Popkultur, gerade die britische, nicht immer die Speerspitze der Globalisierung?

Tennant: Die Plattenfirmen haben aufgehört, global zu denken. Wir gehören zu der vorletzten Generation von britischen Popstars, die, wenn sie einen Hit hatten, als erstes in ein Flugzeug nach Köln gesetzt wurden. Nach uns kamen nur noch die Generation der Boygroups – Take That und East 17.

Lowe: Unser erster Fernsehauftritt war in Belgien. Und nicht mal in Brüssel. In Ostende.

Tennant: Mit "West End Girls".

Lowe: Ein großes Thema bei den Ostend Boys.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, sie hätten das Gesamtprojekt Pet Shop Boys gerne wie einen exklusiven Club, wo Sie sich die Mitglieder aussuchen können. Kann man heute ein Popstar sein, ohne täglich in den Boulevardzeitungen vorzukommen?

Tennant: Ich denke schon. Aber es ist schwierig.

SPIEGEL: Mr. Tennant, Sie waren Musikjournalist, bevor Sie anfingen, selbst Musik zu machen. Wie sehen Sie die Karriere einer Sängerin wie Amy Winehouse? Hat ihr Celebrity-Status sie nicht zerstört?

Tennant: Man muss genau hinschauen. Amy Winehouse hat viele Platten verkauft, ohne dass jemand sie kannte. Die Berühmtheit folgte später. Nehmen Sie die Band Coldplay. Ihr Sänger Chris Martin ist mit Gwyneth Paltrow verheiratet. Als wir bei den Brit Awards waren, unterhielt ich mich nach der Show mit Gwyneth Paltrow, und irgendwann war sie weg. Ich wunderte mich: Warum ist sie ohne Chris Martin gegangen? Dann wurde mir erklärt, dass sie nicht zusammen gehen, damit sie nicht zusammen fotografiert werden können. Sie wollen am nächsten Morgen nicht in den Zeitungen erscheinen. Privatheit kann also gewahrt werden, wenn man will. Chris Martin und Gwyneth Paltrow sind berühmt, auch als Paar. Aber sie haben ihre Sichtbarkeit auf ein Minimum reduziert.

SPIEGEL: Sie haben selbst Erfahrungen mit der Kehrseite des Ruhms gemacht. Sie wurden von einer Stalkerin verfolgt.

Tennant: Immer noch. Jetzt gerade. Sie schickt mir Nacktfotos. Zuerst war diese Frau hinter mir her, die immer Ballons vor meinem Fenster plazierte. Und als ich die endlich los wurde, tauchte die Neue auf.

SPIEGEL: Wie muss man sich das mit den Ballons vorstellen?

Tennant: Jeden Morgen, wenn ich aufstand, schwebten Dutzende von Ballons vor meinem Fenster.

SPIEGEL: Stand was drauf?

Tennant: Nein. Die waren nur da. Die Message war: Ich bin in deinem Leben. Und das stimmte. War sie. Jeden Morgen.

SPIEGEL: Dabei machen Sie kein Geheimnis aus Ihrer Homosexualität.

Tennant: Das ist egal. Die Stalkerinnen denken immer, das sei etwas, das gelöst werden kann.

SPIEGEL: Was machen Sie denn mit Ihrer Post? Viele würden die sicher gerne aus dem Mülleimer fischen.

Tennant: Ich schmeiße keinen Brief weg, der nicht zerschreddert wäre. Das geht gar nicht mehr anders. Der Rest wandert in den Hausmüll. Da hat lange niemand mehr drin gewühlt. Das geht ja auch direkt ins Recycling.

Lowe: Ich kann nicht verstehen, warum Deutschland beim Recycling so viel weiter ist als Großbritannien. Es ist doch so einfach, den Müll zu trennen.

Tennant: Der grundlegende Unterschied zwischen England und Deutschland ist ein anderer: Bei Ihnen sind die Geschäfte am Sonntag geschlossen. Sie sagen: An einem Tag in der Woche wird nicht eingekauft. Wenn man das in England machen würde, bräche Panik aus.

Lowe: Als wir das erste Mal in Deutschland waren, haben die Geschäfte schon Samstag mittags zugemacht.

Tennant: Bei aller Konsumkritik: Das war wirklich zuviel des Guten.

SPIEGEL: Mr. Lowe, Mr. Tennant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Tobias Rapp